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King City
2. Augustwochenende 2005
Hoch über den Dächern von Heiden saß Berthold auf dem Dach seines
Neubaus am südlichen Rand der Stadt. Er hatte an diesem Montag Morgen
noch einige Arbeiten am Haus zu verrichten. Die Arbeit war beinahe
erledigt. Er ordnete die Dämmung zwischen den Sparren ein und setzte
die Dachpfannen zurück an ihren Platz. Als er bemerkte, dass sich am
Hammer noch Blutflecken befanden, rieb er diese mit einen feuchten
Lappen ab. Das vertrocknete Blut stammte von Martin. Martin hatte sich
während des Richtfests auf einen ungleichen Kampf eingelassen. Er
allein mit der Kraft seiner Körperbeherrschung und Willenstärke gegen
einen mit tödlichen Werkzeugen ausgerüsteten Angreifer. Der Klub hatte
hinter ihm gestanden, doch ein flüchtiges Abschweifen der Sinne hat
ausgereicht, um ihn niederzustrecken. Martin trug nun einen Verband um
den verletzten Finger der Schusshand und war mit dieser Verletzung
endgültig aus dem Rennen um den Schützenkönig ausgeschieden.
Ja, es war ein ereignisreiches Jahr für den Klub – man feierte das
erste runde Bestehensjubiläum – und zur Feier dieses Anlasses hatten
sie schon vor langer Zeit verabredet, etwas Besonderes zu erreichen:
sie wollten den Heidener Schützenkönig stellen. Erst waren alle
einstimmig und enthusiastisch mit dabei gewesen, doch in den Jahren, in
denen der Termin näher rückte, wurden viele aus dem Rennen geschlagen.
Nun hatte es auch Martin erwischt. Berthold erinnerte sich an die
tragischen Szenen einige Wochen zuvor, richtete sich auf, blickte über
den Dachfirst seines Hauses hinweg und ließ den Blick schweifen. Er
schaute auf die wachsenden Bauten, die rings um sein Anwesen sprossen.
Bei einem Haus in seiner Nachbarschaft verharrte er. Dort sollte schon
bald ein anderer Kegelbruder, Achim, einziehen. Beide hatten in
strategischer ausgewählter Position gebaut, um der Vogelstange und dem
Treiben am Schützenfestmontag alljährlich möglichst nahe zu sein. Sie
hatten diesen Lebenstraum trotz erheblicher Widerstände wahrgemacht.
Nur mit der ihnen durch die im jahrzehntelangen sportlichen Wettkampf
gestärkte Entschlossenheit, war es ihnen möglich, gegen den Unbill und
die Zermürbung eines Nachbarn anzukommen, der mit allen Mitteln des
juristischen Unrechtsstaates gegen ihr Vorhaben anzugehen suchte.
Aber nun war es geschafft, die Bauten wuchsen und im Falle von Achim wuchs
auch die Erwartung, den Neubau bald mit dem ersten Nachwuchs zieren zu
können. Indes waren auch für Achim und Berthold mit der Sorge um die
eigene Familienstätte andere Prioritäten als der Platz auf dem
Königsthron gesetzt – jedenfalls bis zum nächsten Klub-Jubiläum.
Als Berthold weiter ins Land blickte, sah er auf den am Horizont
schimmernden Kirmesplatz und das eben erkennbare Schützenfestzelt. Der
Wind trug Fetzen von Marschmusik herüber; die Schützen mussten bereits
das Zelt betreten haben. In der Tat fanden sich zu diesem Zeitpunkt
bereits einige Kegelbrüder wieder auf den Planken des Festzeltes
wieder. Die Anstrengungen der letzten Tage hatten ihre Spuren in ihren
erschöpften Gesichtern hinterlassen. Am Freitag waren mit
traditionellem Ritus die Schützenfestfahnen an verschiedenen Häusern
von Kegelbrüdern angebracht worden.
Gestartet worden war hoch im
Norden, wo Peter mit Grillfleisch und Getränken den Ausgangspunkt für
den Zug durch die Gemeinde bot und zugleich ein eigenes Jubiläum zu
feiern hatte: Mit nunmehr zehn Ehejahren war er nicht nur
dienstältester Ehemann sondern noch immer prozentual kinderreichster
Kegelvater des Klubs. Diejenigen, die nicht mehr im Dörfchen wohnte,
ließen sich bei dieser Gelegenheit über den letzten Stand der
Schießwilligen aufklären. Es sah allerdings nicht gut aus. Der Klub
hatte mit der Abschaffung der Strafen und der Nichtigkeitserklärung von
Großteilen der Satzung eine Totalrevolution erleben müssen. Würden die
Gelder, die sich nunmehr allein aus den Beiträgen zusammensetzten, für
einen angemessenen Zuschuss zum Thron überhaupt reichen? Allerorts
waren während der vergangenen sieben Monate des Jahres Zweifel
aufgetreten, ob Frau, ob Kind, ob Familie oder naher Verwandtschaft ein
so großes Ereignis überhaupt zugemutete werden könnte, und so bekam
jeder, der fragte, zur Antwort, dass das Unternehmen Königsthron wohl
noch etwas verschoben werden müsste. Und so feierte man ausgiebig am
Samstag und am Sonntag zusammen in dem Glauben, des es ein ganz
normales Schützenfest werden würde.
Doch allen im Klub war nach den jahrelangen Beteuerungsschwüren klar
gewesen, dass es insbesondere Arno und Karsten ernst mit dem Wettbewerb
war. Am Sonntag Abend sollte nun die entscheidende Wendung unseres
kleinen Dramas eintreten und sich das Blatt der Vereinsgeschichte im
seinem so bewegten zehnten Bestehensjahr wenden. Arno und Karsten
hatten sich mit Marietta und Heidi zu einem guten Essen beim Schwaben
eingefunden und es wurde nach fast zwei Tagen Schützenfest in kleiner
Runde über das alte Ziel sinniert. Dies war ein guter Zeitpunkt, denn
alle Zweifel waren an diesem Abend, als der Geist des Schützenfestes
über die Beteiligten mit seiner unvergleichlichen und unbeschreiblichen
Macht hereingebrochen war, hinweggefegt. Und so konnte auch Marietta,
Arnos Auserkorene für den Königsthron, nicht anders, als sich der Welle
der Euphorie, der Schützenfestekstase vollkommen hinzugeben und dem
Plan zuzustimmen: Karsten und Arno würden schießen! Würde Karsten der
Glückliche sein, sollte Arnos Heidi den Thron schmücken, würde der
Luftgewehr erfahrene Arno dem Waidmann Karsten zuvor kommen, so wäre
Marietta die Königin im Elschat. Doch keiner der Beteiligten ahnte, das
es ganz anders kommen sollte.
War das Wetter am Sonntag Abend noch trocken und beständig gewesen,
zeigte sich das Klima am Montag von seiner verdrießlichen Seite. Es
regnete und stürmte, so dass die Festorganisatoren befürchten mussten,
der Wettstreit würde, wenn im traditionellen Elschat abgehalten,
sprichwörtlich ins Wasser fallen. Kurzerhand tat man sich daher
zusammen und ersann eine historische Neuheit. Erstmals in der
Geschichte des Schützenfestes sollte die Vogelstange vor dem
Schützenzelt aufgebaut und vom einem trockenen Unterstand aus am Zelt
geschossen werden. Früh am Morgen öffneten Helfer daher eine Flanke des
Zeltes und sperrten den seitlichen, zur nahen Grundschule liegende
Bereich. Dort ward der Vogel in einem Kugelfang auf ca. 10 Meter Höhe
befestigt. Das Schießgerät wurde kaum zwei Meter außerhalb des Zeltes
aufgebaut. Die Nachricht von der Verlegung eilte derweil durch das
Königs-Dörfchen und so fand es sich, dass unsere Protagonisten
rechtzeitig informiert waren. Sie ließen sich nicht von den veränderten
Umständen verwirren noch beeindrucken und in der angespannten
Lockerheit von Kämpfern, die nichts zu verlieren, aber alles zu
gewinnen hatten, fanden sie sich in der voller werdenden Manege ein.
Auch die anderen Konkurrenten waren in der wachsenden Menge im Zelt zu
finden. Dem Einen konnte die Anspannung angesehen werden, den Anderen
war nur auf dem zweiten Blick an der Wahl ihrer Getränke anzumerken,
dass dies kein normaler Frühschoppen war, zu dem sie sich mit Wasser
anstatt des üblichen Bieres eingefunden hatten.
Sie bereiteten sich
mental auf den Wettkampf vor und waren nur dann und wann – eben ob der
Anspannung – doch dazu bereit, sich zum Verzehr eines kleinen, in
Duisburg gebrauten Kaltgetränks überzeugen zu lassen. Allerdings war
der Klub, der versprochen hatte, wie ein Mann hinter seinen Kämpfern zu
stehen, zu diesem Zeitpunkt bereits wieder in alle Welt zerstreut
gewesen – zu spontan, zu überraschend war der Entschluss der
Königsanwärter gefallen. Frank, der letzte verbliebene Student im
Dunstkreis der verschworenen Gemeinschaft, hatte sich bereits wieder in
den Schoß seiner Alma Ata nach Bochum zurück begeben. Michael, der
Studienrat, bereitete sich in Duisburg wieder auf das Ungemach einer
nach viel zu kurzen Ferien beginnenden Schultyrannei vor, und Stefan
entspannte sich in der Abgeschiedenheit der holländischen See von den
dem Druck, den seine Freunde als eifrige Bauherren auf ihn in den
Wochen und Monaten zuvor aufgebaut hatten.
Gleichwohl konnte an der
Theke des Zeltes an diesem frühen Montag Morgen bereits einige
Kegelbrüder gesichtet werden. Thomas, Advokatus des Klubs unterhielt
sich gerade mit Sven, dem Vertreter der staatlichen Exekutive. Unser
Rechtssystem kennt zwei wichtige, voneinander unabhängige
Institutionen: die Polizei, die die Verbrecher in den Knast bringt, und
die Anwaltschaft, die sie dort wieder herausholt. Es war schön, an
diesem Tag die beiden Säulen unserer Gesellschaft vereint im Fieber um
das große Ganze zu sehen. Thomas hatte sich zuvor bereits vom
ordnungsgemäßen Zustand des Schussgerätes überzeugen können. Selber
schießen wollte der ausgewiesene Pazifist nicht – ihm lag es fern, den
Gebrauch von Kriegswaffen in irgendeiner Weise zu fördern.
Sven hatte die Nahobservation mit seiner Kamera übernommen und hielt
sich in der Nähe des Geschehens in Bereitschaft. Es sollte nicht lange
währen bis Sven seinen Einsatz hatte. Ein zwei Getränke-Runden noch
unter dem Grau des Himmels und des Zeltdachs, dann versammelten sich
die Schützen zur feierlichen Verlesung der Schießordnung. Hiernach
traten die Honoratioren des Dorfes gefolgt von den alten Königspaaren
und dem Vorstand zum Schießstand hin. Unsere Aspiranten hielten sich im
Mittelfeld auf, umzingelt von Musikanten, Bürgermeister-Brüdern,
Barbieren, und vielerlei andere Professionen, die dem Holzvogel den Gar
auszumachen suchten. Es begannen in der Schießfolge die amtieren
Hoheiten. Ja, auch die Königinnen waren erkoren, in Richtung des Vogels
eine Salve Schrot zu feuern und dem Holztier den einen oder anderen
Schrecken einzujagen. Die darauf folgenden Honoratioren, der
Bürgermeister, die Geistlichen beider großen Konfessionen (der Imam war
aufgrund einer Gebetsfeier in der Moschee Heiden Süd verhindert) sowie
der Diakon konnten einige Trophäen für sich verbuchen. Die
Königsinsignien sind auch unter diesen Amtsträgern begehrte Gewinne und
so soll das Zepter Gerüchten zufolge nun gute Dienste in braven,
katholischen Haushalten zur Erhaltung des ehelichen
Kräftegleichgewichtes leisten.
Galt den dörflichen Würdenträgern die Ehre der ersten Schüsse, folgten
hiernach diejenigen Schützen in der Schießprozedur, die ihr Glück nicht
nur einmal versuchen wollten, sondern es bis zur Erringung der
Königswürde ausreizen würden.
Der Reihe nach ging man aus dem
Seitenausgang des Zeltes einige Schritte heraus und gelangte an das
Schießprovisorium. Die Trophäenjäger standen dort halbwegs vor Regen
geschützt, doch – welch Ironie für die vorsorglichen Organisatoren –
war bislang kein Tropfen mehr vom Himmel gefallen. So gelang es sowohl
unserem Fotographen als auch dem lokalen Berichterstatter, gute Bilder
vom gesamten Ablauf zu schießen. Im Inneren des Zeltes verfolgten wir
Zuschauer das Geschehen, indem wir versuchten, einen Blick über die
Schultern der Schützen und der wartenden Freunde und Angehörigen zu
werfen. Einfacher war es da, die Live-Bilder auf der Großleinwand zu
verfolgen, die man zur besseren Sichtbarkeit für die Allgemeinheit am
Ende des Zeltes aufgebaut hatte. Nacheinander wechselten sich Schuss um
Schuss die Anwärter am Schussgerät ab. Immer wieder trat einer der
Schützen hervor, wartete bis die Patrone des Vormannes vom
Schießmeister in einem Schwall Rauch entladen und eine neue Ladung in
den Lauf platziert wurde und drückte dann den Stutzen an seine
Schulter. Einzelne Stücke aus dem Korpus des Vogels fielen regelmäßig
unter dem Ach und Oh der Zuschauenden gen Boden, doch, je länger der
Wettkampf dauerte, um so mehr splitterte nur das kleiner werdende Holz
ein wenig.
Das ganze Spiel erstreckte sich daher über zahlreiche Durchgänge. Es
wurde durch Pausen unterbrochen, um den Schützen und den Schaulustigen
Gelegenheit zu gewähren, den Umsatz des Festwirtes ein wenig zu mehren,
bis schließlich unweigerlich die Stunde kam, in der der Vogel nur noch
aus einem Rupf aus zerklüfteten Holz bestand und sich bei jedem Schuss
ein wenig um die metallene Aufhängung drehte. Allen war klar, dass der
König nun mit jedem Schuss benannt sein würde.
Zwei Mitglieder der Musikkapelle legten nacheinander an – das Holz zitterte, aber
erfolglos!
Karsten schoss, doch abermals zeigte sich der Holzklumpen
unbeeindruckt. Sodann trat Arno an, zielte und schoss. Eine Sekunde
nachdem der Knall das Zelt durchdrungen hatte, war selbst für
denjenigen, der fahrlässigerweise zu diesem Zeitpunkt den Kugelfang auf
der großen Leinwand nicht beobachtete, mit dem aufkommenden Getöse der
Menge klar, dass Arno den Vogel mit seinem Schuss endgültig entzwei
gesplittert hatte und die Reste des Rumpfes zu Boden gefallen waren.
Die Menge jubelte und schrie!
Sogleich ließ man den König hochleben und griff sich seine
Auserwählte, die, kaum dass sie es sich versah, ebenfalls in die Höhe
getragen und auf hüpfenden Schultern um den König getragen wurde.
Gleiches ließ man dem Ehrenkönig Ralf und seiner Königin Gabi zu Teil
werden. Neben diesem Tumult gingen die erfolglosen Schützen mit weniger
Glück unter. Einigen sah man Enttäuschung und Verdrießlichkeit an, doch
jeder unserer Freunde, der sich selbst einmal mit dem Gedanken getragen
hatte, an dieser Stelle zu sein, freute sich für die Glücklichen; das
Gute im Wettbewerb zwischen Freunden ist, dass es keine Verlierer gibt.
Es gibt nur Sieger und die Gewissheit kommender Jahre mit neuen
Chancen.
Nach vielfachen Händeschütteln und Umarmungen zog man an diesem Tag,
der doch auf so vielfältige Weise so anders war als all die anderen
Schützenfeste für uns, aus dem Zelt hinaus in Richtung Dorfmitte. Im
Minikreisel in der Dorfmitte versammelten sich Musiker und Offiziere
und bildeten um die frisch gekürten Hoheiten einen Kreis, in dem man zu
Festmusik tanzte. Diejenigen unter den Klubmitgliedern, die bereits
anwesend waren, klatschen im Umkreis der Feiergesellschaft mit, wenn
sie nicht gerade die Kunde mit ihren Handys weiter verbreiteten. Nach
dem Tanz zogen sich die Königspaare zu ersten Amtsgeschäften zurück und
die Verbliebenen trotteten in die nahe Stammkneipe, um bei einigen, vom
Kegelwirt Alfons gereichten Kaltgetränken – wie es so üblich ist – das
Geschehene Revue passieren zu lassen.
Hierzu bot sich reichlich Gelegenheit, denn es dauerte nicht lang, da
stießen weitere Kegler hinzu, um die Geschichte abermals im Detail und
aller Ausführlichkeit zu hören. Als erster traf Daniel auf den
verlorenen Tross Königsgetreuer. Er war bei der Inspektion einer seiner
Baustellen gestört worden. Dort war er hingerufen worden, um für das
von einem Erdbeben angeschlagene zwanzigstöckige Hochhaus eine
Notstatik zu erstellen. Doch von der Nachricht der Throneroberung
erfasst, packte er sofort den Bauhelm ein. Sein Auftraggeber war
Westfale und hatte ihn im Verständnis für die Zwänge der heimatlichen
Tradition von der Arbeit dispensiert.
Bis gegen Abend kamen sie alle
zusammen – aus Holland, dem Ruhrgebiet und wo auch immer sich gerade
ein verstreuter Kegelbruder befand. Auf dem Thron feierten sie, wie es
sich für Feiern dieser Gesellschaft gehört, lang, intensiv und
ausgiebig. Die Gläser wurde hochgeschwungen, die Loblieder angestimmt,
nur manch einem stand die Wehmut ins Gesicht geschrieben, als die Feier
sich am frühen Dienstag Morgen nach etlichen Tänzen, Ständchen,
Gratulationen und ausgiebigen Hochlebenlassen der Königspaare zum Ende
neigte. Aber es blieben ja – so konnte man sich trösten – zwei weitere
Festtage im folgenden Jahr und die Vorfreude auf das zweite Wochenende
im August, wenn die Königspaare wieder gefeiert werden beim
Schützenfest im Königsdörfchen.
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